![]() Unbekannter Künstler, Wilhelm Raabe, Strobel, Rosalie und der kleine Alfred auf dem Weihnachtsmarkt, Zeichnung um 1870 Aus: Weihnachten im alten Berlin / Gustav Sichelschmidt Berlin : arani, 1984. - S. 99 Sign.: B 274 Wei 8 |
An der Ecke des Weihnachtsmarktes blieben wir stehen, in das fröhliche Gewimmel, welches sich dort umhertrieb,
hineinblickend. In ununterbrochenem Zuge strömte das Volk an uns vorbei: Väter, auf jedem Arm und an jedem Rockschoß ein
Kind; Handwerksgesellen mit dem Schatz, den sie aus der Küche der "Gnädigen"
weggestohlen hatten; ehrliche, unbeschreiblich gutmütig und dumm lächelnde Infanteristen, feine, schmucke Gardeschützen,
schwere Dragoner und "klobige" Artillerie.
Hier und da wanden sich junge Mädchen zierlich durch das Getümmel; jedes Alter, jeder Stand war vertreten, ja sogar die
vornehmste Welt überschritt einmal ihre närrischen Grenzen und zeigte ihren Kindern die Freude des Volkes. Der Zeichner war auf einmal sehr ernst geworden. "Sehen Sie," sagte er, "da strömt die Quelle, aus welcher die Kinderwelt ihr erstes Christentum schöpft. Nicht dadurch, daß man ihnen von Gott und so weiter Unverständliches vorräsoniert, sie Bibel- und Gesangsbuchverse auswendig lernen läßt; nicht dadurch, daß man sie - womöglich in den Windeln - in die Kirche schleppt, legt man den Keim der wunderbaren Religion in ihre Herzen. An das Gewühl von den Buden, an den grünen funkelnden Tannenbaum knüpft das junge Gemüt seine ersten, wahren - und was mehr sagen will, wahrhaft kindlichen Begriffe davon!" |
Aus: Die Chronik der Sperlingsgasse, 1857
In: Weihnachten im alten Berlin / Gustav Sichelschmidt. - Berlin : arani, 1984. - S. 97-108
Sign.: B 274 Wei 8
Mehr zur Sperlingsgasse und zu Wilhelm Raabes Roman erfahren Sie in Michael Bienerts Artikel "Weltbühne Sperlingsgasse", erschienen in der Tagesspiegel-Serie: Literatur auf der Spur (28) am 26.10.97.
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