Zerbrochene Engel:
Auf Friedhöfen in Berlin-Pankow untersuchen Ein-Euro-Jobber beschädigte Grabsteine —
das soll ihnen helfen, wieder einen Arbeitsplatz zu finden
von Nina Esser [1]
Berlin, im Oktober. Es ist Dienstag. Tag der Qualifizierungen für die Ein-Euro-Jobber auf den Evangelischen Friedhöfen Nordend in Berlin-Pankow.
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Qualifizierung bedeutet Weiterbildung. Mit Block und Stift ausgestattet sitzen die Arbeitslosen um einen Tisch in der Friedhofsverwaltung. Da ist die 43-jährige Liane [2] , gelernte Bauzeichnerin. Dann ist da Marian, er ist 23 Jahre alt und kommt aus Rheinland-Pfalz. Neben ihm sitzt Adrian, 33, Studienabbrecher. Elke, 39, hat Rechtsanwaltsgehilfin gelernt. Max, 30, kennt die Arbeit auf Friedhöfen. Er ist Steinmetzmeister. Am Kopf des Tisches sitzt die Chefin und Weiterbildungskraft Frau Dr. Phil. Regina Steindl.
Aufgabenstellung des heutigen Tages: Ermittlung des Schadenbildes einzelner Gräber auf den Friedhöfen. Wie Schulkinder sitzen erwachsene Menschen aus völlig verschiedenen Berufen da. Sie stellen die Gräber vor, die sie untersucht haben, und mutmaßen, woher etwa der Schaden am Grabstein rührt. Frau Steindl steht auf, sieht den Leuten über die Schulter und streut wissenschaftliche Bemerkungen ein. An der Wand stehen Kisten mit Zierelementen, zerbrochenen Engeln, Porzellanstücken, die sie in den letzten Wochen gefunden haben. "Seit Monaten erfolgt durch die Gruppe eine Bestandsaufnahme der historischen Substanz der unter Denkmalschutz stehenden drei Friedhöfe, die zum Teil völlig verwildert sind", doziert Frau Steindl.
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Die Ein-Euro-Jobber stoßen auf überwucherte Kriegsgräber, auf zerschlagene Grabsteine, die sie wieder zusammensetzen. Die Fundorte müssen sie in Lageskizzen eintragen. "Damit kann die Lage der Gräber identifiziert werden", sagt Frau Steindl. Sie hält diese Beschäftigungen zur Wiedereingliederung in den "ersten Arbeitsmarkt" für sinnvoll. Und sie profitiert von den billigen Arbeitskräften, helfen die Jobber doch ihren Herzenswunsch zu realisieren: die Rettung der Friedhofsdenkmäler.
Das Geld gestrichen [Was ist Hartz II?]Doch alles, was die Leute hier lernen — über Naturschutz auf Friedhöfen, über Bodenbrüter und Sterberegister —, all das mag interessant sein. Aber für eine feste Stelle bringt es wenig. Und das wissen Liane, Marian, Adrian, Elke und Max.
Liane ist Mutter von drei Kindern. Ihren Job in der Baufirma verlor sie, nachdem diese Insolvenz angemeldet hatte. Ernst steht sie mit ihrer Lageskizze vor einem Grab und zeichnet.
Sie meint, dass ihr diese Arbeit beruflich nichts bringt, aber immerhin "trage sie zur Erweiterung der Allgemeinbildung bei", spottet sie. Außerdem sitzt die Familie in Rücken. "Da sind 180 Euro Zuschuss im Monat willkommen". Ihr Durchhaltevermögen und stilles Mitmachen schreibt sie ihrem "unverbesserlichen Optimismus" zu, bald eine Arbeit zu bekommen.
Marian, 23, wollte nach seinem Fachabitur studieren, aber er hat keinen Studienplatz im Museumkunde bekommen. Nach etlichen Jobs hat er den Entschluss gefasst, zum Sozialamt zu gehen. Dann hat er sich für einen Ein-Euro-Job beworben und diesen bekommen. Marian genießt den Kontakt zu den älteren Kollegen und hat sich eine Mappe angelegt. Dort heftet er sein Wissen über Grabsteine und Restaurierung ab, fast wie in der Schule. Was Marian noch bevorsteht, hat Adrian schon hinter sicht: studieren.
Mit seiner Kladde steht Adrian in der Sonne und zeichnet säuberlich ein Grab neben das andere. Zum Gespräch setzt er sich auf eine Bank, zündet sich eine Zigarette an und beginnt zu erzählen. Nach dem Fall der Mauer hat er erst einmal seine Reisen genossen. Dann kam Zivildienst in der Altenpflege. Er studiert Jura und eine Reihe anderer Fächer. Doch keines hält er bis zum Ende durch. Irgendwann verlieren die Eltern die Geduld. Sie streichen Adrian das Geld. Deshalb hat er vor zwei Jahren die uni verlassen. Er arbeite in mehreren Gelegenheitsjobs, bekommt gesundheitliche Probleme. Ab 2004 bezieht er Sozialhilfe. Nun ist er hier auf dem Friedhof.
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Für Elke, 39 Jahre alt, kommt dieser Job gerade richtig. Sie findet erst langsam wieder zurück ins Leben. Ihr Vater stirbt früh, die Mutter ertränkt ihre Trauer und lässt den Frust an der Tochter aus. Elke zieht noch kurz vor Ende der Schulzeit bei der Mutter aus und beginnt nach dem Abitur selbst zu trinken. Trotzdem absolviert sie in Bremen noch eine Lehre zur Rechtsanwaltsgehilfin. Dann geht sie nach Berlin und beginnt nach drei Jahren Berufstätigkeit ein Kunstgeschichtestudium, das sie sich selbst finanziert. Das geht so lange gut, bis die Mutter stirbt. Elke bricht zusammen und muss für eine Weile in eine Klinik. 2005 nimmt sie den Ein-Euro-Job an. Die festen Arbeitszeiten, von denen sie anfangs nicht dachte, sie einhalten zu können, tun ihr gut. Sie mag ihren ruhigen Arbeitsplatz unter den alten, Efeu umrankten Bäumen, die frische Luft, das Rauschen des windes in dem herbstlichen Laub. "Ich erfahre hier das erste Mal Anerkennung für mein abgebrochenes Kunstgeschichtestudium", sagt sie.
Max wurde sogar einmal prämiert, als er noch Arbeit hatte. Der damalige Bundespräsident Roman Herzog hat ihm beim Bundeswettbewerb der Handwerksjugend die Medaille für den besten Steinmetzlehrling überreicht. Max weiß genau, für welche Arbeit seine ehemaligen Steinmetz-Kollegen auf dem Friedhof bezahlt werden. Und genau diese Arbeiten rührt er nicht an. Weil er anderen den Job nicht wegnehmen will. Max sagt: "Was wir hier machen ist reine Beschäftigungstherapie in schöner Umgebung."
Nur noch selten lachen die Ein-Euro-Jobber darüber, dass das erste von ihnen dokumentierte Grab das einer Familie Hartz war.
[1] Nina Esser, "Zerbrochene Engel: Auf Friedhöfen in Berlin-Pankow untersuchen Ein-Euro-Jobber beschädigte Grabsteine — das soll ihnen helfen, wieder einen Arbeitsplatz zu finden" in Berliner Zeitung Nr. 243, 18.10.2005, S. 3. Dem originellen Text wurden Fotos und Links von RAKorb hinzugefügt.
[2] Namen der Betroffenen zum Teil geändert