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DLA 69.930/2 : 1-17-18

Handwritten letter from Schenker to Halm, dated January 17, 1918
[= draft OC 1/B25–28]

Sehr geehrter Herr Halm !

Erste Kenntnis von Ihrem mich betreffenden Aufsatz,1 der so überaus würdig u. charaktervoll gehalten, auch Sie selbst nicht minder wie mich ehrt, erhielt ich von Seiten eines ehemaligen Schülers, der bei München lebt.2* Nun wartete ich eine Weile, ob mir nicht einer meiner Verleger ihn zur Einsicht senden würde; erst als daraus nichts wurde, erbat ich[corr] ihn von jenem Herrn. Der Aufsatz kam als „Fahne“ zu mir, so daß ich nicht wußte, ob u. wo er gedruckt erschien,3 weshalb ich eine Weile mit der Antwort an Sie noch zögern zu müssen glaubte. Doch machte ich fast gleichzeitig den Wiener Verleger4 auf den Aufsatz aufmerksam, der ihn, wenn ich nicht irre, von Ihnen selbst dann erbeten haben mußte u. auch wirklich erhielt. Von ihm nun, dem Verleger kam mir Ende Dezember Ihr Heft zu (selbstverständlich ohne ein einziges Wort der Mitfreude) u. so bekam ich auch Ihre „Nachschrift“ zum ersten Male zu Gesicht.5

In eben den letzten Dezembertagen verschied aber meine über 90 Jahre altgewordene Mutter.6 Da stockte die Feder, alle Arbeit überhaupt. Der Rückblick auf meine Leistung – nach dem Tode des Vaters,7 eines {2} armen, aber weit u. breit hochverehrten Arztes nahm ich, selbst kaum 20-jährig, Mutter samt allen übrigen Geschwistern zu mir u. erhielt sie alle mit dem Ertrage schlecht gezahlter Klavierstunden so lange, bis es mir nach langen, überaus mühevollen Jahren, während deren ich zweimal fast ganz unter der Last zusammengebrochen bin, endlich gelungen ist, die Geschwister zu versorgen u. mich nun ungestörter meinen Arbeiten zu widmen – der Rückblick auf diese Leistung, sage ich, die naturgemäß mit dem letzten Atemzug meiner Mutter ihren Abschluß gefunden, übermannte mich ganz u. schwer. So unendlich, tragisch jene Jahre zu sein schienen, so danke ich heute dem Schicksal gleichwohl für diese Prüfung, denn sie ist war8 es, die mir den Blick in die Welt eröffnete, in die Untiefen der Menschheit, mich mit Reich u. Arm zusammenführte u. Erfahrungen machen ließ, die allein mich dazu berechtigen, so zu den Menschen zu sprechen, als ich es eben tue.

Auch diese Schicksalszäsur ist nun vorüber u. die erste Ruhe, wenn ich von einer überhaupt sprechen darf, benütze ich nun, um Ihnen für Ihren Aufsatz zu danken, Ihnen im Geiste die Hand zu drücken. Was Sie auf den wenigen Seiten fertigbrachten, kann vor Allem nur ein Deutscher machen, u. niemals ein Franzose oder Engländer. Diese echte Hingabe an die Sache, die in der Tat mehr als alle anderen Ideologien, mehr selbst als die Religion, die „Erlösung“ des {3} Menschen bedeutet, wie schön u. edel spricht sie aus jedem Wort, das Sie schreiben! Welches Wohlgefühl auch für mich, zu wissen, daß ich[corr] für Sie nicht weiter in Frage komme, als nur unser Zusammenfinden in der Sache – gäbe es nur für diese Gottheit des Menschengeschlechts9 einen würdigeren Ausdruck ! – es umschreibt: ich trage Ihr großes Lob bescheiden u. gelassen, als wäre ich selbst gar nicht derjenige, den Sie bedenken, nur die Wahrheit, die Seele der Sache damit gemeint, der wir[corr] ja Alle von Herzen u. aus allen Kräften zu dienen haben, wenn es uns um unsere Erlösung, um unser Dasein ernst ist.

Aber sehen Sie, ist es möglich, daß einen solchen Aufsatz selbst unter den Deutschen Jemand anderer10 schriebe, der nicht Ihren moralischen u. geistigen Rang hat? Gewiß nicht. Leider, leider nicht. Und Sie selbst sagen, daß Sie den Grund meiner „esoterischen Einstellung“ nicht fassen11 Wo Sie das schönste Beispiel dafür sind, daß man nur zu einem Menschen sprechen kann, der eben schon selbst, „sehen u. hören“ kann? Glauben Sie mir, mit wirklichem Nutzen läßt sich nur von Führer zu Führer sprechen, u. erst was von diesem abfällt – u. wie herzlich wenig ist das ! – gehört der Welt. Aber da komme ich auf ein Thema, das mir gerade während des Krieges ungeheuere Schmerzen, auch schwere physische, bereitet hat u. bereitet, – auf das Thema vom „Volk“, von dem, was es scheint, was es wirklich ist u.s.w. Und wenn {4} ich kurz sage: ich unterscheide zwischen Beethoven, der aus dem Volke gekommen („Baron Beethoven_“ etwa wäre eine _Farçe, die den lieben Schöpfer als einen frivolen Spaßmacher zeigen würde) u. dem Volke, das Volk geblieben, so erkläre ich damit wohl zur Genüge meine Haltung. Es schadet der Menschheit der Wahn, alles Volk|12 sei wie Beethoven derselben Eigenschaften, in geistiger wie moralischer Hinsicht, fähig. Wir erleben das Furchtbare ja zur Stunde, wo der Wahn vielleicht unheilbare Wunden meinem u. Ihrem Vaterlande schlägt. Aber auch den Adel, den Junker, den Reichen zähle ich zum – „Volke“ – u. meine, alles Heil kommt vom Genie als dem Mittler der Sachen unmittelbar u. durch diese hindurch Gottes unmittelbar.

Und nun nach diesem Credo lassen Sie, mich Ihnen nochmals vom Herzen danken u. der Hoffnung Ausdruck geben, daß II213 uns noch mehr bindet. Dann habe ich eine Aktion im Auge, bei der ich14 auch Ihre Mitwirkung erbitten werde,– doch Alles zu seiner Zeit.

Mit bestem Gruß
Ihr
[signed:] H Schenker
17. Januar 191815

© In the public domain; reproduced here with kind permission of the Deutsches Literatur-Archive, March 2006.
© Transcription Ian Bent, 2006.

Handwritten letter from Schenker to Halm, dated January 17, 1918
[= draft OC 1/B25–28]

Dear Mr. Halm!

The first awareness of your essay regarding me,1 which is extremely dignified and full of character, and which honors you no less than me, I received through a former pupil who lives near Munich.2 I waited a while to see whether one of my publishers would send it to me for perusal. Only when nothing became of that, I requested the essay from that gentlemen. The essay came to me as a “galley proof,” so that I did not know whether and where it appeared in print,3 which is why I believed I had to hold off with an answer to you. But almost at the same time I brought the essay to the attention of the Vienna publisher4 who, if I am not mistaken, must have then requested it from you, and actually received it. From him, now, from the publisher, your issue came to me at the end of December (of course without a single word of joy for me), and so I also got to see your “post script” for the first time.5

Just in the last days of December my over ninety-year-old mother passed away.6 My pen slowed down, and all work in general. Looking back on my accomplishments—after the death of my father,7 a {2} poor but far and wide highly revered doctor, myself barely twenty years old, I took in my mother and all the other siblings and sustained them with the yield of poorly paid piano lessons until after extremely difficult years, during which I almost broke down twice under the burden, I finally succeeded in providing for my siblings, and then in devoting myself more undisturbed to my projects. Looking back on that feat, I say, which in the natural course found its end with my mother’s last breath, overwhelmed me completely and severely. As endlessly tragic as those years seem, I today thank destiny as much for that test, for it opened my view into the world, into the shallows of humanity, brought me together with rich and poor and allowed me to have experiences that alone entitle me to speak to people as I do.

That fateful interruption, too, is now past and I used the first rest—if I can even speak of one—to thank you for your essay, to shake your hand as a gesture. What you managed to do in those few pages only a German can do, above all, and never a French or Englishman. That genuine dedication to the task, which in practice means more than all other ideologies, more even than religion, means the “redemption” of {3} humanity, how beautifully and nobly it is articulated in every word that you write! What a sense of well-being, too, for me to know that I am not of further relevance for you other than solely our common ground in the object circumscribes it—if there were only a more worthy expression for that godhead of humanity!9 I bear your high praise humbly and serenely, as though I were not even the one whom you are considering, only truth, meaning the parts of the object which we all must serve from our hearts and with all powers if we are serious about our redemption, about our existence.

But look, is it possible that someone else10 even among the Germans could write such an essay that does not have your moral and intellectual status? Certainly not. Unfortunately, unfortunately not. And you yourself say that you do not grasp the reason for my “esoteric approach”?11 Where you are the most perfect example that one can only speak to a person who themselves can “see and hear”? Believe me, it is only possible to speak with genuine benefit from leader to leader, and only that which comes down from them belongs to the world —and how precious little that is! But here I get to a subject that caused and causes me immense pain, even intense physical pain, precisely during the war—the subject of “folk”, what is appears to be, what it really is, etc. And when {4} I say briefly that I distinguish between Beethoven, who emerged from the folk (“Baron Beethoven” for example would be a farce that would show the dear creator as a frivolous jester), and the folk that remained folk, with that I surely declare my approach well enough. The delusion that all of the folk|12 is, like Beethoven, capable of the same characteristics in intellectual and moral regard damages humanity. At this hour we are experiencing the horror where the delusion is inflicting incurable wounds on my and your fatherland. But I also reckon the nobleman, the Junker, the rich person among the “folk”, and believe that all salvation comes directly from genius as the intermediary of things and, through those events, directly through God.

And now, after that statement of belief, let me thank you wholeheartedly and express the hope that II/213 bonds us yet more. Then I have a plan in mind for which I14 will also request your cooperation—but everything in its time.

With warm regards,
Yours truly,
[sign:d:] H. Schenker15

© In the public domain.
© Translation Lee Rothfarb, 2006.

COMMENTARY:
Format: 4-p letter, oblong format, holograph message and signature
Sender address: --
Recipient address: --

FOOTNOTES:

1 „Heinrich Schenker,“ Die Freie Schulgemeinde, October 16, 1917, pp.11-15. To view this article, Click here. S has been pressing UE to pass the article on as soon as it receives it: WSLB 288, July 8, 1917; OC 52/200, July 12, 1917; WSLB 290, November 30, 1917; OC 52/202, December 5, 1917; after which S informs UE that he has seen the article in proof, WSLB 291, December 6, 1917.

2 Presumably Otto Vrieslander.

3 In fact, Halm had told him the publisher and place (Verlag Eugen Diederichs, Jena).

4 i.e. UE.

5 i.e. the Nachschrift (Postscript) at the end of the article and evidently not present at proof stage: “POSTSCRIPT: It was a Würtemberg teacher who made me aware of Schenker, thus not a professional musician, not a technical journal, not his publishing house, nor yet even a music retailer.”

6 Julia Schenker (1827–1917).

7 Johann Schenker, who died in 1887 after Heinrich had already moved to Vienna, and the remainder of whose family followed Heinrich to Vienna and were supported by him (Federhofer, Nach Tagebüchern, p.3), and DLA 69.930/10.

8 „war“, no corr, in OC 1/B25–28; i.e. S decided to change to present tense while copying out, then changed his mind.

9 “Menschengeschlechtes” in OC 1/B25–28.

10 „jemand anderer“ in OC 1/B25–28.

11 fn11. “That is the highly esoteric approach taken by Schenker, who speaks only to musicians, to the knowledgeable and capable ones, and the image of a musical people (Volk), indeed even only of a following (Gefolg), at least according to my impression, cannot be right.”: ibid, p.15.

12 not underlined in OC 1/B25–28.

13 i.e. Kontrapunkt2.

14 “ich”: present in OC 1/B25–28; S miscopied then inserted.

15 At this point in OC 1/B25–28 a further sheet (28) in horizontal format appears, partly in HS’s hand, partly in JS’s, the content of which is not included DLA 69.930/2, but the latter part of which is interpolated into DLA 69.930/10, September 25, 1922. It may well have been drafted in 1922 and become associated with OC 1/B25–27 at a later stage.

SUMMARY:
S has received Halm's article about him, and expresses his appreciation. S's mother died in December 1917; he looked after her and his siblings from the time his father died [1887]. Addresses a reservation on Halm's part—speaking to him as "leader to leader"—and confirms his concept of the Volk. S has a plan to put to Halm.

© Commentary, Footnotes, Summary Ian D. Bent 2006.

Rothfarb, Lee
Schenker, Heinrich
S has received Halm's article about him, and expresses his appreciation. S's mother died in December 1917; he looked after her and his siblings from the time his father died [1887]. Addresses a reservation on Halm's part—speaking to him as "leader to leader"—and confirms his concept of the Volk. S has a plan to put to Halm.
DE
Cambridge University Faculty of Music-Ian Bent
IPR: in public domain; Transcription, Translation, Commentary, Footnotes, and Summary: Lee Rothfarb & Ian D. Bent 2006.
Schenker, Heinrich; Halm, August; Ornamentik; article; essay; Munich; Die Freie Schulgemeinde; UE; Schenker, Julia; Schenker, Johann; Germans; Frenchmen; Englishmen; Volk; folk; Beethoven, Ludwig van;
Handwritten letter from Schenker to Halm, dated January 17, 1918
letter
academic; musicology; music theory
DLA 69.930/2
1918-01-17
2006-04-07
Halm
This document is deemed to be in the public domain as of January 1, 2006, and is reproduced here with kind permission of the Deutsches Literatur-Archiv, March 2006. Any claim to intellectual rights should be addressed to the Schenker Correspondence Project, Faculty of Music, University of Cambridge, at [email protected].
letter; holograph message and signature
August Halm (1918-1929)—Deutsches Literaturarchiv(19??-)
IPR: In the public domain, published with the kind permission of the Deutsches Literaturarchiv; Image: Deutsches Literaturarchiv; Transcription, Translation, Commentary, Footnotes, and Summary: Lee Rothfarb & Ian D. Bent.
Vienna
1918

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